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Dienstag, 23. Mai 2006
Der Specht kommt auf Touren
Mundart-Trio Heinz de Specht und seine «Lieder aus der Vogelperspektive» in der Kellerbühne

heinz de specht in st.gallen

Bild: Sam Thomas
Drei Spielmacher im Einklang: Heinz de Specht mit Roman Riklin, Daniel Schaub und ChristianWeiss (von links).

ST. GALLEN.
Heinz de
Specht und seine verqueren Alltagswelten sind wie geschaffen für all jene, die Fragen haben, die sich nicht in 20 Minuten erklären.Drei Liedermacher, bei denen Musik keine nette Begleiterscheinung ist, sondern ein starkes Fundament bildet.

NATHALIE GRAND
Ein Sonderapplaus für die Liebeserklärung in Produktenamen, frenetisches Klatschen
für den Song über die Tücken des Wohnungshütens und zustimmendes Gejohle
bei der Parodie auf die Berner Mundartgrössen Huber, Hofer und Co: Heinz de Specht
setzt neue Massstäbe in den kabarettistischen Qualitäten des Mundartsongs.
Tief schürft das Trio in den Trivialitäten des Alltags und schafft mit Gitarre, Bass,
Piano, Cello, Akkordeon und schrägen Texten kleine dadaistische Meisterwerke.

Blindes Vertrauen

Ihre Stücke sind satirische Auseinandersetzungen mit dem Alltag. HeinzdeSpecht tappt in jedes Fettnäpfchen, wälzt sich genüsslich in der Fäkalsprache und hat wenig Mitleid mit dem Fussvolk zwischen Mundgeruch und Achselschweiss. In ihrem ganz privaten Chaos harmonieren Roman Riklin, Daniel Schaub und Christian Weiss in jedem Arrangement und kämpfen musikalisch gegen zu viel Mittelmässigkeit
und Angepasstheit. «Ich bin als Letztr dazugestossen», erklärt Roman Riklin einen Tag nach dem Auftritt in der Kellerbühne. Im Herbst 2004 ist der St.Galler Musiker mit Zürcher Wohnsitz für einen Song-Contest bei Heinz de Specht eingesprungen. «Den Wettbewerb zu gewinnen, war nebensächlich. Wichtig war: Durch diese Zusammenarbeit konnten mich Daniel und Christian überzeugen, bei Heinz de Specht einzusteigen.» Inzwischen hat sich das Projekt weiterentwickelt, und die drei Musiker verstehen sich blind. «Wir sind drei Spielmacher, die sich voll aufeinander verlassen können. Das gibt für die Auftritte eine unheimliche innere Ruhe», sagt Riklin, der auch noch bei diversen Theaterprojekten und Kinderstücken als Komponist und Texter mitwirkt. Die künstlerische Arbeit Riklins kennt viele Perspektiven: «Ich stehe zu 80 Prozent hinter den Kulissen, und mir ist wohl dabei. Vielleicht hat das damit zu tun, dass ich nicht mehr zwanzig bin.

Keine Zeit fürs Nichtstun

Bei Marius und die Jagdkapelle und Bluesbueb sei er der Sideman. «Es macht viel Spass, bei diesen Bands zu spielen. Aber Heinz de Specht ist genau das, was ich schon lange gesucht habe», sagt der 34-Jährige, der einige Stunden vor seinem Gastspiel in der Kellerbühne noch mit der Jagdkapelle das dritte Kinderkonzert in drei Tagen spielte. Rund 30 weitere stehen für die sechs Jäger dieses Jahr noch auf dem Programm.
Heinz de Specht dagegen kommt erst richtig auf Touren. Premiere ist Ende September
im Theater am Hechtplatz in Zürich. Jedes Stück wird zur Entdeckung, auch für die
Musiker selbst. Improvisierend überraschen die drei Liedermacher mit Akkordeon bis
Kazoo und spielen sich gegenseitig zu ungeahnten Höhen. Zeit fürs Nichtstun wird dem
Publikum keine gelassen: Die «Lieder aus der Vogelperspektive» sind nichts für blosse Konsumenten. Hier wird keine fade Fertigkost serviert, sondern ein gesellschaftskritisches Mundartmenü. Heinz de Specht bewegt sich irgendwo zwischen Theater, Liederabend und Date-Show. Eine Hand voll Suchender, die eigentlich gar nichts finden will.

Emotionaler Volltreffer

Da kann es schonmal vorkommen, dass Roman Ricklin keine Lust für einen melancho-
lischen Zwischenteil hat und das Spiel seiner Kollegenmit einem virtuosen Pianosolo
unterbricht und in der Art eines Konstantin Wecker dick aufträgt und sich eine Nacht
mit Madonna erträumt. Und wenn es um das pralle Leben geht, dann trällern die drei
Sänger wieder einmütig im Chor. Das Trio beherrscht aber nicht nur den komödianti-
schen, sondern auch den sensiblen Part. Mit ihren Balladen – wie alle ihre Songs aus
dem Alltag entnommen– treffen sie mitten ins Herz. Nie haben wir uns lieber an unsere eigene Spiessigkeit erinnert als gemeinsam mit dem Trio. Amüsantes, aber nicht schenkelklopfendes und kritisches, aber nicht moralinsaures Kabarett, das Gefühle weckt und erst noch gut tönt. «Das Niveau einer Band misst sich nicht nur am technischen Schwierigkeitsgrad ihrer Musik, sondern auch am Grad derer Emotionalität. Deshalb mache ich gerne poppige Sachen», sagt Riklin.