ST. GALLEN.
Heinz de Specht und seine verqueren Alltagswelten sind wie geschaffen für all jene, die Fragen haben, die sich nicht in 20 Minuten erklären.Drei Liedermacher, bei denen Musik
keine nette Begleiterscheinung ist, sondern ein starkes Fundament bildet.
NATHALIE GRAND
Ein Sonderapplaus für die Liebeserklärung
in Produktenamen, frenetisches
Klatschen
für den Song über die Tücken des Wohnungshütens
und zustimmendes Gejohle
bei der Parodie auf die Berner
Mundartgrössen Huber, Hofer
und Co: Heinz de Specht
setzt
neue Massstäbe in den kabarettistischen
Qualitäten des Mundartsongs.
Tief schürft das Trio in den
Trivialitäten des Alltags und
schafft mit Gitarre, Bass,
Piano,
Cello, Akkordeon und schrägen
Texten kleine dadaistische Meisterwerke.
Blindes Vertrauen
Ihre Stücke sind satirische Auseinandersetzungen
mit dem Alltag.
HeinzdeSpecht tappt
in jedes
Fettnäpfchen, wälzt sich genüsslich
in der Fäkalsprache und hat
wenig Mitleid
mit dem Fussvolk zwischen Mundgeruch und Achselschweiss.
In ihrem ganz privaten
Chaos harmonieren Roman
Riklin, Daniel Schaub und Christian
Weiss in jedem Arrangement
und kämpfen musikalisch gegen
zu viel Mittelmässigkeit
und Angepasstheit. «Ich bin als Letztr dazugestossen», erklärt Roman Riklin einen
Tag nach dem Auftritt
in der Kellerbühne.
Im Herbst 2004 ist der
St.Galler Musiker mit Zürcher
Wohnsitz für
einen Song-Contest
bei Heinz de Specht eingesprungen. «Den Wettbewerb zu gewinnen,
war nebensächlich. Wichtig
war: Durch diese Zusammenarbeit
konnten mich Daniel und
Christian überzeugen, bei Heinz
de Specht einzusteigen.» Inzwischen
hat sich das
Projekt weiterentwickelt,
und die drei Musiker
verstehen sich blind. «Wir sind
drei
Spielmacher, die sich voll aufeinander
verlassen können. Das
gibt für die Auftritte eine unheimliche
innere Ruhe», sagt Riklin, der
auch noch bei diversen Theaterprojekten
und Kinderstücken als
Komponist und Texter mitwirkt.
Die künstlerische Arbeit Riklins
kennt viele Perspektiven: «Ich stehe
zu 80 Prozent
hinter den Kulissen,
und mir ist wohl dabei. Vielleicht
hat das damit zu tun, dass
ich
nicht mehr zwanzig bin.
Keine Zeit fürs Nichtstun
Bei Marius und die Jagdkapelle
und Bluesbueb sei er der Sideman. «Es macht viel Spass,
bei diesen
Bands zu spielen. Aber Heinz
de Specht ist genau das, was ich
schon lange
gesucht habe», sagt
der 34-Jährige, der einige Stunden
vor seinem Gastspiel in der
Kellerbühne
noch mit der Jagdkapelle
das dritte Kinderkonzert in drei
Tagen spielte.
Rund 30 weitere
stehen für die sechs Jäger dieses
Jahr noch auf dem Programm.
Heinz de Specht dagegen
kommt erst richtig auf Touren.
Premiere ist Ende September
im
Theater am Hechtplatz in Zürich.
Jedes Stück wird zur Entdeckung,
auch für die
Musiker selbst. Improvisierend überraschen die drei
Liedermacher mit Akkordeon bis
Kazoo und spielen sich gegenseitig
zu ungeahnten Höhen. Zeit
fürs Nichtstun wird dem
Publikum
keine gelassen: Die «Lieder
aus der Vogelperspektive» sind
nichts für blosse Konsumenten.
Hier wird keine fade Fertigkost
serviert, sondern ein gesellschaftskritisches
Mundartmenü.
Heinz de Specht bewegt sich
irgendwo zwischen Theater,
Liederabend
und Date-Show. Eine
Hand voll Suchender, die eigentlich
gar nichts finden
will.
Emotionaler Volltreffer
Da kann es schonmal vorkommen,
dass Roman Ricklin keine
Lust für einen melancho-
lischen
Zwischenteil hat und das Spiel
seiner Kollegenmit einem virtuosen
Pianosolo
unterbricht und in
der Art eines Konstantin Wecker
dick aufträgt und sich eine Nacht
mit Madonna erträumt. Und
wenn es um das pralle Leben geht,
dann trällern die drei
Sänger wieder
einmütig im Chor.
Das Trio beherrscht aber nicht
nur den komödianti-
schen, sondern
auch den sensiblen Part. Mit
ihren Balladen – wie alle ihre
Songs aus
dem Alltag entnommen– treffen sie mitten ins Herz. Nie
haben wir uns lieber an unsere
eigene Spiessigkeit erinnert als
gemeinsam mit dem Trio. Amüsantes,
aber nicht schenkelklopfendes
und kritisches, aber nicht
moralinsaures Kabarett, das Gefühle
weckt und erst noch gut
tönt. «Das Niveau einer Band
misst sich nicht nur am technischen
Schwierigkeitsgrad ihrer
Musik, sondern auch am Grad
derer Emotionalität.
Deshalb mache
ich gerne poppige Sachen»,
sagt Riklin. |